• 08.05.2017
  • 12:00 Uhr

Emmanuel Macron: Ein Soundtrack für Europa

Frankreich hat einen neuen Präsidenten gewählt. Er gilt als große Hoffnung, nicht nur für sein Land.

Mit Emmanuel Macron verbinden die Franzosen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Eine Reportage von Isabelle Engler

Was geht in einem Menschen vor, der vor wenigen Minuten zum wichtigsten Mann Frankreichs gewählt wurde? Zum jüngsten französischen Präsidenten aller Zeiten? Aufregung? Erleichterung? Angst? Stolz? Wohl ein bisschen von allem. Doch ansehen kann man Emmanuel Macron in diesem Moment nur Letzteres.

Es ist seine erste Fahrt zu seinen Wählern, zu den Leuten die ihn unterstützt haben. Der ganze Innenhof vom Louvre ist voll mit Menschen, alle rufen seinen Namen, schwenken Frankreich-Flaggen und auch immer wieder Fahnen von Europa. Denn er ist der, der die Europäische Union retten soll vor dem Rechtspopulismus, der gerade überall die Macht übernehmen will.

 

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Doch an diesem Abend hat er es nicht geschafft. Die rechtspopulistische Marine Le Pen hat nicht gesiegt. Europa hat durch diesen neuen, jüngsten Präsidenten eine neue Chance bekommen. Und so sieht er sich auch selbst.

„Wir müssen mal etwas Neues ausprobieren“

Ganz allein geht er den Weg von seiner Limousine zur Bühne, von der er gleich zu seinen Anhängern sprechen wird. Und während er so stolz hinter der Kamera herläuft, tönt aus den Lautsprechern ein Lied. Es ist nicht die französische Nationalhymne. Es ist die Europa-Hymne. „Freude schöner Götterfunken“ ist der Soundtrack zu seinem Wahlprogramm. Für Europa. Und alle jubeln ihm zu. Zumindest an diesem Abend in Paris.

In Hénin-Beaumont, einer kleinen Stadt im Norden Frankreichs, wird der Abend ganz anders verlaufen sein. Hier ist die Hochburg des Front National, seit 2014 ist hier auch der Bürgermeister rechts. Am Rathaus hängen ganz bewusst nur französische Flaggen, von Europa keine Spur.

Einen Tag vor der Wahl haben wir das Städtchen besucht. Braune Backsteingebäude stehen an den Straßen, früher war der Ort bekannt für seinen Steinkohlebergbau. Doch seit der in den 70ern eingestellt wurde, gibt’s hier nicht mehr viel. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 15 %, das macht unglücklich.

„Wir haben hier keine Kriminalität, das ist es nicht. Es fehlt einfach Arbeit und die Leute haben keinen Bock mehr, deswegen wählen sie Le Pen“, erzählt uns ein junger Mann. Und ein anderer sagt: „Wir müssen mal etwas Neues ausprobieren, so geht es nicht weiter.“ Auch mit dem neuen Bürgermeister habe sich schon viel getan. Dass der Front National die Grenzen für Flüchtlinge dicht machen will, spiele hier keine Rolle. „Wir hassen die anderen Menschen nicht, wir sind einfach wütend über die Verhältnisse momentan.“

 

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Wut und Verzweiflung. Zwei wichtige Faktoren, die nicht nur die Menschen in Hénin-Beaumont dazu bewegt haben, Le Pen zu wählen. Auch wenn sie eigentlich gar nicht rechts denken sind. Es sollte mehr ein Aufschrei sein gegen die bisherigen Politik-Eliten. Ein Schrei nach Veränderung.

Macron steht die schwerste Wahl noch bevor

Als sich Macron nach seinem Wahlsieg an das Publikum wendet, versucht er, auch diese Menschen anzusprechen: „Alle die Marine Le Pen aus Wut gewählt haben, ich werde in den nächsten fünf Jahren dafür sorgen, dass ihr die Extremen gar nicht mehr wählen wollt!“ Und er fügt hinzu: „Und alle die mich nur gewählt haben, um die Republik zu bewahren, ich werde die Republik schützen.“

Jubel vor dem Louvre, hier glauben an diesem Abend alle, was Macron sagt. Denn sie wollen es so gerne glauben. Macron ist für sie Hoffnung, irgendwie alles wieder gerade biegen zu können, was in Frankreich in den letzten Jahren schief gelaufen ist.

Es wird eine schwere Aufgabe für den erst 39-Jährigen. Die sofort mit dem nächsten Wahlkampf beginnt. Denn am 11. Juni ist die erste Runde der Parlamentswahlen in Frankreich. Und um seine Pläne durchzusetzen, braucht er eine eigene Mehrheit in der Nationalversammlung. Durchschnaufen ist also nicht. Nach der Wahl ist vor der Wahl.

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