• 10.02.2018
  • 06:02 Uhr

„Hätte nie gedacht, dass mein Leben irgendwann so aussieht“

Unsere Reporter waren einen Tag im wohl schlimmsten Flüchtlingslager Europas - Eindrücke aus dem Camp "Moria" auf Lesbos.

Über Lesbos hängen graue Wolken, immer wieder regnet es. Und das ist unser Glück, wie sich später noch herausstellen sollte. Wir sitzen im Auto vor dem großen Zaun, der das Flüchtlingslager „Moria“ umschließt.

Hier werden alle hergebracht, die von der Türkei nach Griechenland fliehen. Hier müssen sie warten. Warten, ob sie weiter auf das griechische Festland und somit nach Europa dürfen oder ob sie zurück in ihr altes Leben abgeschoben werden. Ein Leben, vor dem sie unter Lebensgefahr geflohen sind. Seit dem EU-Türkei-Deal von 2016 gilt diese Regelung. Seitdem leben fast 6.000 Menschen in „Moria“, das eigentlich nur für knapp 2.000 Flüchtlinge gedacht war.

Das Camp ist gut gesichert: Stacheldraht, ein von Polizisten bewachter Eingang. Fotos und Videos sind im Lager streng verboten, das steht auf einem Schild am großen Tor. Journalisten bekommen eigentlich nie offiziell Zugang. Die Verhältnisse im Lager sollen katastrophal sein, berichten soll darüber wohl besser niemand. Auch wir haben keine offizielle Erlaubnis bekommen.

 

Kein geeigneter Ort für kleine Kinder: das Flüchtlingscamp „Moria“

 

Vor dem Haupteingang sind wir mit einer jungen Frau aus Afghanistan verabredet. Sie musste vor Krieg und Verfolgung aus Kabul fliehen. Immer noch hat sie Angst. Um sie zu schützen, geben wir ihr einen anderen Namen: Miriam.

Miriam möchte uns ihr neues Leben in „Moria“ zeigen. Gerade steht nur eine Wache am Tor, wir ziehen im Schutz des Regens unsere Kapuzen auf und – sind drin.

Der Boden ist matschig, überall liegt Müll. Die Toiletten können wir schon riechen, bevor wir überhaupt um die Ecke zu den Sanitäranlagen abgebogen sind. In einem Klo läuft unablässig das Wasser. In einem anderen funktioniert die Spülung gar nicht.

Miriam erzählt, dass erst vor ein paar Tagen das Lager aufgeräumt wurde. „Da kamen Leute und haben den Müll weggeräumt und sie haben Wohnboxen gebracht und Paletten als Böden für unsere Zelte. Vorher mussten wir direkt auf dem Boden schlafen.“ Die Zustände seien jetzt viel besser als noch vor einer Woche. Beim Anblick des Lagers möchten wir uns kaum vorstellen, wie es vor unserem Besuch ausgesehen haben mag.

 

Die Angst vor den Taliban endet nicht an der Landesgrenze.

 

Miriam ist 22. In Kabul hatte sie als Übersetzerin in verschiedenen Botschaften gearbeitet, nebenbei noch Wirtschaft studiert. Sie spielte Fußball in einem afghanischen Frauenteam. „Ich hätte nie gedacht, dass mein Leben irgendwann so aussieht“, erzählt sie uns. Sie träumt von einer Zukunft in London, will dort an der Uni weiter studieren. Miriam nimmt uns mit in das Zelt, das sie mit ihrer Familie bewohnt. Mutter, Vater, sie und ihre zwei Brüder auf der einen Seite. Auf der anderen Seite soll bald eine achtköpfige Familie einziehen. Der Vater hat Herzprobleme, auch die Mutter ist krank.

Miriam lädt uns ins Zelt ein. Wir sitzen auf Decken auf dem Boden und bekommen Tee. Aus einer Ecke holt die Mutter Kekse und Croissants und legt sie uns hin. Eine Familie, die selbst kaum etwas hat, teilt mit uns. Eine unglaubliche Gastfreundschaft an einem so tristen Ort. Und dieses Gefühl, wie ungerecht die Welt doch sein kann.

 

Essenszubereitung im Flüchtlingscamp.

 

Auf einmal hört man draußen Tumult, Geschrei. „Jetzt verteilen sie das Mittagessen, da werden die Männer oft handgreiflich“, erzählt Miriam. Plötzlich steht ihr Bruder vor dem Zelt und bringt Essen. Er hat auch für uns zwei Portionen mitgebracht. Es gibt Hähnchen mit Kartoffeln, dazu Fladenbrot. Das Fleisch und das Gemüse sind halbroh. „Es gibt immer Hähnchen, das ist noch das beste hier. Aber sogar die Hunde können es schon nicht mehr sehen.“

Wir essen einen Bissen, mehr bekommen wir nicht herunter. Die Menschen in Moria haben aber nichts anderes. Manche versuchen draußen über dem Feuer sich das Essen wenigstens noch gar zu braten.

Wir gehen wieder aus dem Zelt. Zwischen all dem Dreck spielen Kinder. Sie lachen und kommen auf uns zu, nehmen uns an der Hand. Viele von ihnen sind durch die Erlebnisse während ihrer Flucht traumatisiert. Ihre Zukunft ist ungewiss. Und trotzdem versuchen sie irgendwie Normalität zu finden. Das Lachen dieser Kinder, ihre fröhlichen Augen in den schmutzigen Gesichtern, als sie durch die Kamera schauen dürfen. Ein Anblick, den wir sicher nie vergessen.

Denn das Leben in Moria ist nicht nur schmutzig und voller Hoffnungslosigkeit, es ist auch gefährlich. Nachts gibt es oft Kämpfe zwischen den Männern. Getrieben von Perspektivlosigkeit kommen sie betrunken von draußen zurück, kämpfen um Essen, um Kleidung, um angeblichen Stolz. Es gab auch schon Tote in „Moria“.

 

Pure Lebensfreude an einem dunklen Ort

Mit Kapuze auf dem Kopf verlassen wir wieder das Camp. Mit vielen Eindrücken und irgendwie einem schlechten Gewissen. Denn wir können jetzt zurück ins Hotel fahren, wir können mit unserem Pass in den Flieger und zurück nach Deutschland. Die tausenden Bewohner von Moria können das nicht.

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