• 01.03.2018
  • 14:58 Uhr

Wo Flüchtlinge zu Menschen werden

Unsere Reporter berichten von Projekten abseits der Elendscamps, die Hoffnung machen.

Lesbos wird oft der „Schandfleck Europas“ genannt. Doch dank einiger Menschen ist die Insel auch ein Ort von unglaublicher Hilfsbereitschaft geworden. Unsere Reporter haben sie getroffen.

Auf dem Fußballplatz sind sie alle gleich. Foulen, diskutieren, Tore schießen – das können sie alle. Kurz hinter dem Flughafen bei Mytilini, der Hauptstadt von Lesbos, wird zweimal die Woche gekickt. Die Spieler: Afghanen, Syrer, Nigerianer, genauso wie Einheimische der Insel. Auch wir dürfen mitspielen und merken: das verbindet.

Der gemeinsame Fußball ist nur eines von vielen Projekten des privat finanzierten Flüchtlingscamps „Pikpa“. Hier sind die Flüchtlinge untergebracht, die am schwersten traumatisiert sind, durch Folter etwa. „Es ist immer schwer Leute auszusuchen, die in unser Camp dürfen. Denn Hilfe brauchen sie alle. Aber wir haben nicht für jeden Platz“, erzählt uns Efi Latsoudi, eine der Gründerinnen von Pikpa.

 

 

Die Lebensbedingungen sind viel besser als im großen Lager Moria. Schon beim reingehen fallen die liebevollen bunten Malereien an den Wänden auf. Es gibt einen Spielplatz für Kinder und kleine Hütten zum Leben für die Einwohner. Pikpa war früher ein Feriencamp. Und dieses Feriencamp-Gefühl bekommen auch wir bei unserem Besuch zu spüren.

Alle sind freundlich zueinander, jeder kennt den anderen mit Namen. Über dem Essensbereich in der Mitte hängen selbstgebastelte Girlanden. Es gibt viele Projekte und Workshops, auch einen Kindergarten. Pikpa wird unterstützt von der örtlichen NGO „LesvosSolidarity“. Viele Einheimische helfen also mit, aber auch Unterstützer aus anderen Ländern.

Wir treffen Mohammad aus Afghanistan. Wie so viele hat auch er nach seiner Ankunft im berüchtigten Lager Moria gelebt. Irgendwann konnte er mit seiner kranken Mutter nach Pikpa. „In Moria gab es nichts, keine Angebote oder Aufgaben für uns Flüchtlinge. Hier werden wir behandelt wie Menschen. Hier habe ich das Gefühl, wieder eine Familie zu haben.“

 

Der Schweizer Fabian Bracher baute das Gemeinschaftszentrum „One Happy Family“ mit auf.

 

Genau dieses Gefühl sollen auch die bekommen dürfen, die in Moria leben müssen. Dachte sich der Schweizer Fabian Bracher, den wir nach unserem Besuch in Pikpa treffen. Er ist der Hauptkoordinator des Projekts „One Happy Family“. Ein Gemeinschaftszentrum für Flüchtlinge, mitgestaltet von vielen freiwilligen Helfern.

Samstags ist hier Open Stage in einer alten Fabrikhalle. Als wir ankommen, breakdancen gerade zwei junge Männer in der Mitte, alle klatschen und jubeln ihnen zu. Jeder kann hier zeigen was er kann, hier sind sie nicht nur Flüchtlinge, hier sind sie einfach Menschen.

 

Bei Musik und Tanz die Sorgen vergessen.

 

„Uns ist wichtig, das wir alles gemeinsam mit den Flüchtlingen machen, ihnen wieder eine Aufgabe geben“, erzählt uns Fabian. „Das Schlimmste ist, dass sie in Moria nichts zu tun haben, keine Perspektiven.“ Im Center von „One Happy Family“ gibt es einen Fitnessraum, einen Gemüsegarten, einen Rückzugsort für Frauen. Es gibt Kurse, zum Beispiel für Yoga oder Stricken. Die Flüchtlinge unterrichten sich gegenseitig, teilen ihre Talente.

Vierzig Minuten dauert der Fußweg von Moria bis zum Zentrum. Es fährt auch ein Bus doch der ist oft voll oder viele können ihn sich auch einfach nicht leisten. Das Projekt hatte anfangs deshalb einen Shuttlebus zur Verfügung gestellt. Doch leider ging dafür irgendwann das Geld aus. Denn „One Happy Family“ lebt von Spenden.

Was wir sehen, sind viele glückliche Gesichter. Gesichter von Menschen, die auf ihrer Flucht Schlimmes erlebt haben. Und die auch am Abend wieder in ihre Zelte nach Moria zurück müssen. Aber am Tag, da gab es auch Momente, in denen sie lachen konnten. Momente, in denen sie ihre schwierige Situation einfach vergessen konnten. Momente, die Hoffnung geben.

Es sind Begegnungen wie diese, in denen wir merken: Lesbos ist nicht nur ein Symbol für eine große Flüchtlingskrise in Europa. Sondern es steht auch für eine unglaubliche Hilfsbereitschaft unter Menschen.

Wenn ihr die Projekte auf Lesbos unterstützen wollt, klickt einfach auf diese Links: ohf-lesvos / lesvossolidarity

  • 10.02.2018
  • 06:02 Uhr

„Hätte nie gedacht, dass mein Leben irgendwann so aussieht“

Unsere Reporter waren einen Tag im wohl schlimmsten Flüchtlingslager Europas - Eindrücke aus dem Camp "Moria" auf Lesbos.

Über Lesbos hängen graue Wolken, immer wieder regnet es. Und das ist unser Glück, wie sich später noch herausstellen sollte. Wir sitzen im Auto vor dem großen Zaun, der das Flüchtlingslager „Moria“ umschließt.

Hier werden alle hergebracht, die von der Türkei nach Griechenland fliehen. Hier müssen sie warten. Warten, ob sie weiter auf das griechische Festland und somit nach Europa dürfen oder ob sie zurück in ihr altes Leben abgeschoben werden. Ein Leben, vor dem sie unter Lebensgefahr geflohen sind. Seit dem EU-Türkei-Deal von 2016 gilt diese Regelung. Seitdem leben fast 6.000 Menschen in „Moria“, das eigentlich nur für knapp 2.000 Flüchtlinge gedacht war.

Das Camp ist gut gesichert: Stacheldraht, ein von Polizisten bewachter Eingang. Fotos und Videos sind im Lager streng verboten, das steht auf einem Schild am großen Tor. Journalisten bekommen eigentlich nie offiziell Zugang. Die Verhältnisse im Lager sollen katastrophal sein, berichten soll darüber wohl besser niemand. Auch wir haben keine offizielle Erlaubnis bekommen.

 

 

Vor dem Haupteingang sind wir mit einer jungen Frau aus Afghanistan verabredet. Sie musste vor Krieg und Verfolgung aus Kabul fliehen. Immer noch hat sie Angst. Um sie zu schützen, geben wir ihr einen anderen Namen: Miriam.

Miriam möchte uns ihr neues Leben in „Moria“ zeigen. Gerade steht nur eine Wache am Tor, wir ziehen im Schutz des Regens unsere Kapuzen auf und – sind drin.

Der Boden ist matschig, überall liegt Müll. Die Toiletten können wir schon riechen, bevor wir überhaupt um die Ecke zu den Sanitäranlagen abgebogen sind. In einem Klo läuft unablässig das Wasser. In einem anderen funktioniert die Spülung gar nicht.

Miriam erzählt, dass erst vor ein paar Tagen das Lager aufgeräumt wurde. „Da kamen Leute und haben den Müll weggeräumt und sie haben Wohnboxen gebracht und Paletten als Böden für unsere Zelte. Vorher mussten wir direkt auf dem Boden schlafen.“ Die Zustände seien jetzt viel besser als noch vor einer Woche. Beim Anblick des Lagers möchten wir uns kaum vorstellen, wie es vor unserem Besuch ausgesehen haben mag.

 

 

Miriam ist 22. In Kabul hatte sie als Übersetzerin in verschiedenen Botschaften gearbeitet, nebenbei noch Wirtschaft studiert. Sie spielte Fußball in einem afghanischen Frauenteam. „Ich hätte nie gedacht, dass mein Leben irgendwann so aussieht“, erzählt sie uns. Sie träumt von einer Zukunft in London, will dort an der Uni weiter studieren. Miriam nimmt uns mit in das Zelt, das sie mit ihrer Familie bewohnt. Mutter, Vater, sie und ihre zwei Brüder auf der einen Seite. Auf der anderen Seite soll bald eine achtköpfige Familie einziehen. Der Vater hat Herzprobleme, auch die Mutter ist krank.

Miriam lädt uns ins Zelt ein. Wir sitzen auf Decken auf dem Boden und bekommen Tee. Aus einer Ecke holt die Mutter Kekse und Croissants und legt sie uns hin. Eine Familie, die selbst kaum etwas hat, teilt mit uns. Eine unglaubliche Gastfreundschaft an einem so tristen Ort. Und dieses Gefühl, wie ungerecht die Welt doch sein kann.

Auf einmal hört man draußen Tumult, Geschrei. „Jetzt verteilen sie das Mittagessen, da werden die Männer oft handgreiflich“, erzählt Miriam. Plötzlich steht ihr Bruder vor dem Zelt und bringt Essen. Er hat auch für uns zwei Portionen mitgebracht. Es gibt Hähnchen mit Kartoffeln, dazu Fladenbrot. Das Fleisch und das Gemüse sind halbroh. „Es gibt immer Hähnchen, das ist noch das beste hier. Aber sogar die Hunde können es schon nicht mehr sehen.“

 

 

Wir essen einen Bissen, mehr bekommen wir nicht herunter. Die Menschen in Moria haben aber nichts anderes. Manche versuchen draußen über dem Feuer sich das Essen wenigstens noch gar zu braten.

Wir gehen wieder aus dem Zelt. Zwischen all dem Dreck spielen Kinder. Sie lachen und kommen auf uns zu, nehmen uns an der Hand. Viele von ihnen sind durch die Erlebnisse während ihrer Flucht traumatisiert. Ihre Zukunft ist ungewiss. Und trotzdem versuchen sie irgendwie Normalität zu finden. Das Lachen dieser Kinder, ihre fröhlichen Augen in den schmutzigen Gesichtern, als sie durch die Kamera schauen dürfen. Ein Anblick, den wir sicher nie vergessen.

Denn das Leben in Moria ist nicht nur schmutzig und voller Hoffnungslosigkeit, es ist auch gefährlich. Nachts gibt es oft Kämpfe zwischen den Männern. Getrieben von Perspektivlosigkeit kommen sie betrunken von draußen zurück, kämpfen um Essen, um Kleidung, um angeblichen Stolz. Es gab auch schon Tote in „Moria“.

Mit Kapuze auf dem Kopf verlassen wir wieder das Camp. Mit vielen Eindrücken und irgendwie einem schlechten Gewissen. Denn wir können jetzt zurück ins Hotel fahren, wir können mit unserem Pass in den Flieger und zurück nach Deutschland. Die tausenden Bewohner von Moria können das nicht.

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