• 25.04.2016
  • 14:02 Uhr

„Hier ist alles kontaminiert“

Unsere Reporterin Isabelle ist mit einer Touristengruppe in die noch heute verstrahlte Zone von Tschernobyl gefahren.

Es regnet, als unser kleiner Bus in Kiew losfährt. Der Himmel ist grau, wirkt fast schon bedrohlich. Und je näher wir an die Zone um das Atomkraftwerk von Tschernobyl herankommen, desto stärker wird dieses Gefühl. Die Straßen werden immer leerer, nach zwei Stunden dann der erste Kontrollpunkt. Wir sind da, in der ersten Zone, ein Umkreis von 30 Kilometern um das AKW. Alle aussteigen, Passkontrolle, dann geht’s weiter. Fünf Touristen auf Sightseeingtour im Katastrophengebiet.

Kurze Zeit später laufen wir durch eine kleine Siedlung. Der Regen prasselt auf uns und die verfallenen Häuser. „Wenn es regnet, dann ist die Strahlung nicht so stark, das ist doch gut für euch“, sagt unser Führer Igor und grinst. Die Strahlung: Man vergisst sie leicht, diese stumme Gefahr, denn spüren kann man sie nicht. Nirgendwo. Nicht auf den Wegen zwischen den kleinen verlassenen Häuschen und auch nicht drinnen, in den alten Küchen und Schlafzimmern, die in den dreißig Jahren vielen Plünderern zum Opfer gefallen sind. Alles durchwühlt, die Fensterscheiben zerbrochen: hier wohnt niemand mehr. Draußen auf dem Boden finden wir eine Gasmaske. Ein gruseliger Zeuge von damals, als das Dorf evakuiert werden musste. Als alle hier ihre Heimat verlassen mussten, wegen der bisher größten Nuklearkatastrophe der Welt.

 

30 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl.
Hier mussten alle ihre Heimat verlassen und persönliche Dinge zurücklassen.

 

Am 25. April 1986 soll im Atomkraftwerk Tschernobyl ein Test durchgeführt werden: ein simulierter Stromausfall soll zeigen, dass  das Kraftwerk immer noch mit genug Strom versorgt wird, auch wenn der Reaktor heruntergefahren ist. Das ist wichtig, da auch ein abgeschaltetes Kraftwerk Energie braucht, etwa zur Kühlung. Doch bei dem Test läuft etwas schief. Der Block 4 des Reaktors explodiert und schleudert Unmengen an Radioaktivität in die Luft. Der Wind verteilt die gefährliche Strahlung bis nach Europa. Eine Katastrophe – doch am Schlimmsten trifft es die Menschen unmittelbar vor Ort. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass bisher weltweit insgesamt 8.000 Menschen an den Folgen starben.

Wir fahren weiter, immer näher an das AKW heran. Durch ehemaliges Militärgelände, vorbei an verlassenen Kasernen, zugewachsen mit wilden Pflanzen. Dann der nächste Kontrollpunkt. Jetzt geht’s rein in die 10-Kilometer-Zone. Unsere Geigerzähler fangen zum ersten Mal an zu piepsen, die Strahlung wird stärker. Doch direkt zu spüren, ist sie immer noch nicht. Nur dieses seltsame Gefühl im Magen, dass da irgendwas Gefährliches um uns herum ist, ja, sein muss.

 

30 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl.
Dieser Rummelplatz war nie in Betrieb.

 

Und dann sind wir auf einmal ganz nah dran, bis auf 200 Meter vor dem Reaktor. „Hier bleiben wir nur 10 Minuten. Länger ist verboten“, sagt Igor. Doch er beruhigt uns auch: „Verbringt man hier einen Tag, ist die Strahlung so stark wie bei einem Transatlantikflug.“ Also gut. Wir steigen aus. Der Geigerzähler hört nicht mehr auf zu piepsen, das macht alle irgendwie nervös. Vor uns die riesige Ruine von Block 4, eingehüllt in einen Sarkophag, der die radioaktive Strahlung zurückhalten soll. Rostig sieht er aus. Damals wurde er schnell gebaut, für die nächsten 20-30 Jahre. Die sind jetzt rum, der nächste Sarkophag steht schon bereit, der soll dann 100 Jahre halten. Schnell ein paar Fotos vom Epizentrum der Katastrophe für Zuhause, dann geht’s schon wieder weiter. Im Auto schwankt die Stimmung zwischen Anspannung und Erleichterung.

Wir fahren in die Stadt Prypjat. Heute eine Geisterstadt. Früher lebten hier 50.000 Menschen, alle wohlhabend, denn sie arbeiteten für das Atomkraftwerk Tschernobyl. Das größte der Welt sollte es werden, beispielhaft für den Westen und alle anderen. Im Auto gibt Igor uns noch Anweisungen: „nichts auf den Boden stellen. Das einzige, was den Boden berührt, sind eure Schuhe. Auch sonst nichts mitnehmen, hier ist alles kontaminiert.“

Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Unsere Gruppe läuft durch die Siedlung aus hohen Plattenbauten. Alle leer, unglaublich. Immer wieder piepsen die Geigerzähler in den Taschen. Die Stadt ist immer noch stark belastet. Drei Schulen gab es damals in Prypjat, mit Turnhallen und Schwimmbädern. Der Dreimeter-Turm und sogar die Tore stehen heute noch, unbenutzt seit dreißig Jahren. Irgendwie gruselig, immer wieder bekommen wir Gänsehaut. Doch auch irgendwie faszinierend: wir machen alle viele Fotos. Es ist nur schwer zu begreifen, was hier passiert ist, was hier immer noch in der Luft und im Boden strahlt. Auf einem Rummelplatz stehen ein Karussell und ein Riesenrad, damals aufgestellt für die Feier zum 1. Mai. Sie waren nie in Betrieb.

 

30 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl.
Drei Schulen gab es damals in Prypjat und dazu gehörte auch dieses Schwimmbad.

 

Dann ist die Tour vorbei. Bevor wir die Zonen verlassen, werden unsere Körper und unsere Kleidung auf Radioaktivität überprüft. Hier darf nichts raus, was kontaminiert ist. Doch wir dürfen gehen, zum Glück.

 

30 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl.
Die Kleidung von Kameramann Andre wird auf Radioaktivität überprüft.

 

Was bleibt, ist ein Tag in Tschernobyl, interessant, aber auch unwirklich und schwer zu fassen. Doch wir sind uns alle einig: das lohnt sich. Ein Besuch, an einem schaurigen Ort mit trauriger Geschichte. Und an einem Mahnmal, das klar macht: so etwas darf nie wieder passieren.

 

 

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